|
Dialogues Mystiques
In zeitlicher Nähe zum Fronleichnamsfest, dem „Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi“, erklang auf der großen Mathis-Orgel der Schottenkirche das monumentale Spätwerk Olivier Messiaens, sein Livre du Saint Sacrement, sein „Buch vom Heiligen Sakrament“. Ein Werk das Hörern und Interpreten viel abverlangt: Zwei Stunden intensiv verdichtete Orgelmusik, die nicht gefällig sein möchte. Nach der gesungenen Komplet und einer knappen versierten theologischen Einführung zum Werk durch P. Prof. Dr. Georg Braulik OSB, setzte sich Prof. Dr. Winfried Bönig, Domorganist zu Köln, an die große Mathis-Orgel, um Messiaens Livre musikalisch Raum zu verschaffen. Bönig zählt zu einer der wenigen Organisten weltweit, die überhaupt dieses Werk in Gänze an einem Abend aufführen, so anspruchsvoll ist es. Aus diesem Grund war es auch hilfreich, dass Bernd Walterscheid, ebenfalls aus Köln, auf einer großen Leinwand die Begleittexte der Partitur einblendete, um so die theologischen Tiefendimensionen dieser Musik entschlüsseln zu helfen. In der Partitur des Livre finden sich nicht nur die für Messiaen charakteristischen Vogelstimmen und gregorianischen Motive verzeichnet, sondern auch eine Vielzahl von Textzitaten aus der Heiligen Schrift, der Liturgie und von theologischen Denkern. Nicht zuletzt buchstabiert Olivier Messiaen wiederholt zentrale Begriffe in einem eigens kreierten Ton-Alphabet auf musikalische Weise. Zu einem echten Dialogue mystique wurde das Konzert durch die Mitwirkung der Choralschola Quasi modo geniti, die unter der Leitung von Mag. Franz-Xaver Kainzbauer den berühmten Fronleichnamshymnus Adoro te devote von Thomas von Aquin zwischen dem biblisch-erzählenden und dem meditativ-betrachtenden Teil des Livre vortrug. Diesen Hymnus lässt die Orgel nicht nur zu Beginn des Livre erklingen, sondern er bildet mit seinen theologischen Aussagen und seiner einprägsamen Bildsprache gleichsam den Kopf und das Herz des gesamten Stückes. Das Livre, das „Buch“ selbst, ist in 18 „Kapitel“ bzw. Sätze unterteilt. Die Sätze I. bis IV. vertonen den betenden Menschen vor dem Altarsakrament: Auf die Anbetung in demütiger Haltung (I.) folgen die Betrachtungen über die Quelle des Lebens (II.) und den verborgenen Gott (III.), die in ein kraftvolles Glaubensbekenntnis münden (IV.). Daran schließt sich ein zweiter großer Abschnitt an, der die Sätze V. bis XI. umfasst: Ihn könnte man als biblisch-erzählenden Teil charakterisieren. Das Leben Jesu wird in seiner heilsgeschichtlichen Bedeutung „nacherzählt“: ausgehend von seiner Geburt (V.) über die Einsetzung der Eucharistie beim Letzten Abendmahl (VIII.) bis hin zu seiner Auferstehung (X.). Ein Höhepunkt des gesamten Werkes ist sicher der lange XI. Satz, in dem in musikalischer Dramatik die Begegnung des Auferstandenen mit Maria Magdalena en detail geschildert wird. Die Sätze XII. bis XVIII. knüpfen wieder an die ersten vier Sätze an: Musik gewordene Gebete (XIV.: „Gebet vor der Kommunion“; XVI.: „Gebet nach der Kommunion“) wechseln sich mit musikalisch verleiblichten scheinbar abstrakten Glaubensaussagen ab (XII.: „Die Transsubstantation“; XV: „Die Freude der Gnade“; XVII.: „Die vielfache Präsenz“). Den Schlusspunkt markiert der XVIII. Satz mit dem finalen Halleluja: In einem überbordenden musikalischen Jubelausbruch erklingt zum Schluss das zentrale Wort „La Joie“ „die Freude“ in der Sprache des Tonalphabets, gefolgt von sieben mächtigen Akkorden. Olivier Messiaens Livre du Saint Sacrement ist im besten Sinne Kirchenmusik: Sie verleiht zum einen dem theologisch verantworteten Glauben eine Sprache, die kein Prediger mit bloßen Worten einholen kann, zum anderen wurzelt die faszinierende Schönheit dieser Musik in einer Tiefendimension, die über das Gehörte des menschlichen Ohres weit hinausgeht. Dieses Werk ist zutiefst theologisch, ohne dass es dadurch musikalisch „konstruiert“ oder intellektualistisch würde und es ist zutiefst mystisch, ohne dass es dadurch gefühlsselig würde. Ein Werk, welches das aktive Hinhören des ganzen Menschen fordert! Winfried Bönig sei gedankt, dass er in meisterlicher Art dieses musikalische und theologische Vermächtnis eines dem Lebensende sich nahe wissenden Olivier Messiaen an der großen Mathis-Orgel der Schottenkirche realisiert hat. In der unprätentiösen Art seines Spiels hat er die monumentale Aussagekraft dieses Stücks in seiner unverfälschten Reinheit erstrahlen lassen. Das Livre du Saint Sacrement ist kein Werk, dass man neu „erfinden“ müsste es braucht einfach nur Raum! Diesen Raum hat Winfried Bönig ihm geschenkt.
zum Plakat >> |
|||
![]() |
|||
![]() |
|||
![]() |
|||
|
|
|||
![]() |
|||