Fast ein Jahrhundertsjubiläum
Zur Restaurierung unseres Bösendorfers


Konzerte auf einem historischen Musikinstrument zu spielen gehört heute zum besonderen Reiz einer Aufführung. Auch Klöster horten solch musikalische Raritäten – manchmal sogar ohne sich dessen bewusst zu sein. In der Schottenabtei musste deshalb erst eine Pianistin mit leidenschaftlicher Liebe zu alten Tasteninstrumenten den beinahe hundertjährigen Bösendorfer aus seinem Dornröschenschlaf wach küssen. Zuzana M. Mária Ferjenčíková, die Stiftsorganistin, „entdeckte“ diese Kostbarkeit, die im Prälatensaal nur mehr als Dekorationsmöbel dahindämmerte. Mehr noch: Um auf die Klangwelten aufmerksam zu machen, die in dem historischen Flügel trotz arger Schäden schlummerten, und um seine Rettung einzuleiten, spielte sie im November 2009 ein Benefizkonzert. Peter Krall, Präsident der „Alt-Schotten“ und passionierter Musikliebhaber, half tatkräftig bei der Organisation. Die virtuose Aufführung bewies, welch faszinierende Poesie und Stimmung man diesem Instrument noch entlocken konnte. Mit diesem Startkapital entschloss sich nun das Kloster, das wertvolle Instrument restaurieren zu lassen. Die Vereinigung der Alt-Schotten unterstützte dieses kulturgeschichtliche Projekt großzügig, wofür ihr herzlicher Dank gebührt!

Unsere Organistin konnte den erfahrenen Restaurator Gert Hecher gewinnen, der 1997 auf diesem Flügel selbst mehrere Konzerte gegeben hatte. Sein Klavier-Atelier vertritt für die Restaurierung von historischen Klavieren die „Philosophie“, den möglichst originalen Zustand wiederherzustellen. Das gilt auch für unseren Bösendorfer, der seiner Nummer nach im Jahr 1919 gefertigt wurde, also noch aus der goldenen Periode der Firma stammt. Viele Bösendorfer-Liebhaber finden sogar, das „Modell 20“ sei das Beste, das Bösendorfer je gebaut habe. Unser Klavier ist also ein Geschichtsdokument – was sich bis zu den damals noch mit Eisen, nicht Kupfer, umwickelten Bassseiten zeigt. Zu seiner „Seele“ gehört nach dem Klangkonzept Bösendorfers, dass das ganze Instrument mitschwingt. Das vordringlichste Erfordernis ist ein eleganter, weicher, singender Klang. Das hat Konsequenzen für Restaurierung unseres Flügels: Es mussten vor allem die Hammerköpfe im Stil von einst mit einem Weichholzkern und nicht gebleichtem Filz nachgebaut werden. Denn beides bestimmt entscheidend die Klangfarbe. Ebenso war die Besaitung entsprechend jener vor hundert Jahren zu erneuern. Und nicht zuletzt musste das ganze Klavier politiert werden. Nur dieser Mehraufwand an Handwerksarbeit garantiert, dass der alte Flügel seinem originalen Charakter nach individueller, mechanisch sensibler und ästhetisch verfeinerter klingt als die modernen Klaviere aus der industriellen Massenproduktion.

Im Abendkonzert der Dialogues mystiques am 28. September war unser frisch restaurierter Bösendorfer erstmals wieder in seinem ursprünglichen Charme zu hören – fast ein Jahrhundertjubiläum!

P. Georg Braulik OSB