Dialogues Mystiques 2010:
Freundschaft – Jesus der Freund
Konzert VI mit Giampaolo Di Rosa am 23. November 2010


Der Kontrast zum letzten Konzert hätte kaum stärker sein können: Bestimmten dort die „Moderne“ und Improvisationen den Ton, so füllte diesmal eine Gesamtaufführung der Achtzehn Leipziger Orgelchoräle Johann Sebastian Bachs den ganzen Abend. Organist war Giampaolo die Rosa, wie viele Interpreten der Dialogues mystiques ein Schüler von Jean Guillou. „Insider“ haben das dem Stil seiner hervorragenden Präsentation auch angemerkt. Den normalen Konzertbesuchern ist Giampaolo die Rosa durch seine früheren Auftritte in der Schottenabtei als Künstler mit einem vielfältigen Orgelrepertoire bekannt. Wie sehr er als Bachinterpret geschätzt wird, beweist seine Aufführung sämtliche Orgelwerke Bachs in diesem Jahr in Rom. Nach einer solchen „Vorbereitung“ gastierte Giampaolo die Rosa jetzt in der Schottenbasilika.

Bach dürfte die Sammlung der verschiedenartigen Leipziger Choralbearbeitungen zwar nicht zum Zweck einer Aufführung als Zyklus zusammengestellt haben – ist doch fast jedes der großformatigen Stücke eine Welt für sich selbst. Dennoch machte es den besonderen Reiz des Programmes, ja die Einzigartigkeit des Konzertes aus, die gesamte Folge der achtzehn Kompositionen hören und die Einzelwerke miteinander vergleichen zu können. Denn in den Leipziger Chorälen sind vorrangig Bearbeitungen zusammengefasst, denen der gleiche Cantus firmus zugrunde liegt – zum Beispiel „Nun komm, der Heiden Heiland“ oder „Allein Gott in der Höh‘ sei Ehr“, die dreimal mit ganz unterschiedlichen Charakteren vertreten sind. Gerade an ihnen lässt sich die stilistische Vielfalt und Spannbreite von Bachs Musikschaffen ausge­zeichnet erkennen. Darüber hinaus verlieh Giampaolo di Rosa den einzelnen Stücken durch seine meisterhafte Registrierung ein besonderes Profil und eine unverwechselbare Stimmung.Dafür nahm man es in Kauf, dass der Bezug zu „Jesus, der Freund“ relativ weit ausgelegt wurde. Doch fehlte er nicht ganz, wie der lyrische Satz „Schmücke dich, o liebe Seele“ beweist. Die letzte Choralbearbeitung „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ ergriff auch durch die überlieferten Umstände ihrer Entstehung: Johann Sebastian Bach soll sie wegen seiner Blindheit am Ende des Lebens einem seiner Freunde nur mehr in die Feder diktiert haben.

Ob die Leipziger Choräle Bachs in Wien schon als ganze Sammlung vorgestellt wurden? Selbst wenn dies zuträfe – das musikalisch überaus einfühlsame und technisch perfekte Spiel von Giampaolo die Rosa machte ihre Aufführung zum einem außergewöhnlichen und tief berührenden Erlebnis.

P. Georg Braulik OSB

  

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